Heul nicht, mach doch!

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Heul nicht, mach doch!

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Es gibt bestimmte Leute, die sich für ihre Herzensthemen einsetzen und denen man vorwirft, dass sie oft missionarisch oder sehr radikal sind und dass manche Leute sich dem komplett sperren, allein, weil ihnen die Herangehensweise nicht gefällt. Man wirft das unter anderem Leuten vor, die sich vegan ernähren und angeblich immer total missionarisch unterwegs sind und alle davon überzeugen wollen, ihr Würstchen vom Grill zu nehmen und stattdessen eine Zucchini drauflegen.

Ich persönlich kenne zwar keine solchen “Kampfveganer” und kann das daher nicht bestätigen, aber zumindest dieses Vorurteil hält sich hartnäckig. Deshalb gibt es natürlich auch viele Witze über Veganer wie: “Mein Essen isst dir das Essen weg”. Die waren zwar in der Grundschule schon nicht witzig, aber es gibt immernoch Leute, die auf diese “missionarische” Art und Weise, die sie so empfinden, sehr trotzig reagieren und dann erst recht nicht empfänglich sind für Argumente wie den Wasserverbrauch von Fleischkonsum und so weiter. Veganismus soll heute aber gar nicht das Thema sein, sondern: Wie kannst du so eine Abwehrreaktion verhindern? Wie kannst du stattdessen die Leute, die du überzeugen willst, zu deinen Verbündeten machen?

Beispiel: ProtectHer, eine NGO gegen sexuelle Belästigung auf dem Campus

Zu diesem Thema habe ich schon vor zwei, drei Monaten ein sehr interessantes Interview im Podcast von Marie Forleo gehört. Da hat sie eine Dame namens Alexis Jones interviewt, die mehrere Organisationen gegründet hat. Die Organisation, um die es bei dem Interview hauptsächlich ging, heißt “ProtectHer”. Ich erzähle mal ein bisschen, worum es da ging, aber ihr könnt euch das Interview gerne auf Youtube anschauen oder in Maries Podcast anhören:

Ich fand es auf jeden Fall sehr inspirierend, wie Alexis Jones mit diesem Problem umgegangen ist. Ihre Organisation kümmert sich um das Problem, dass super viele junge Frauen auf dem Campus (der in den USA an Hochschulen ja zentralisierter ist) angegriffen, sexuell belästigt oder sogar sexuell missbraucht werden. Das ist natürlich ein sehr hartes Thema, worüber man sensibel kommunizieren muss. Das Problem,  das sie und viele andere Organisationen gesehen haben, ist dass viele Männer sich nicht mit diesem Thema identifizieren können. wenn man mit ihnen darüber sprechen möchte.

Informationsveranstaltungen zu dem Thema laufen meistens über Fakten wie “Jede vierte Frau wird im Laufe ihrer College-Zeit missbraucht” oder sowas . Da kommt irgendein Sheriff und sagt: “Wenn du eine Frau missbrauchst/vergewaltigst, dann kommst du für 10 Jahre in den Knast!”. Die jungen Männer, die das hören, nehmen das aber nicht ernst, weil sie sagen: “Hä, ich bin doch kein Vergewaltiger oder Täter. Ist mir doch egal, ob man da 8 oder 10 Jahre im Knast sitzt, das betrifft mich ja eh nicht. Ich würde sowas ja nicht machen!”.

Und im schlimmsten Fall fühlen sich die Männer sogar beleidigt, weil sie das quasi als Vorwurf verstehen: “Du bist ein potenzieller Täter!” und diese Vorwurfshaltung führt natürlich
erst recht dazu, dass sich Männer diesem Thema sperren, sich nicht damit beschäftigen undes von vornherein von sich wegschieben, weil sie sagen: “Sowas mach ich doch nicht, so einer bin ich doch nicht, das betrifft mich nicht”.

Und folgendermaßen hat diese Alexis Jones das Problem jetzt gelöst oder diese Haltung umgedreht: Sie hat Vorträge mit jungen Männern (vor allem Sportlern) gemacht – man kennt ja diesen Locker Room Talk. In diesen Vorträgen ist sie von diesem “Die armen Frauen werden von Männern vergewaltigt und ihr seid Männer. Ihr seid das Problem”-Ansatz weg; hat die Fakten und Zahlen komplett weggelassen und ist stattdessen in die Personalisierung gegangen. Sie hat z.B. über Social Media Fotos von den Freundinnen, Schwestern und Müttern der Jungs bei den Vorträgen rausgesucht, ihnen diese Bilder gezeigt, gesagt: “Jede vierte Frau wird vergewaltigt”, hat dann quasi vier dieser Bilder in ihrer Slideshow gezeigt und die vierte war dann eben Danielle, die Schwester von James. Das hat die Jungs, die sich den Vortrag angehört haben, natürlich viel mehr gepackt, als einfach solche Zahlen, Daten und Fakten, bei denen sie sich gleich als potenzielles Problem angegriffen gefühlt haben.

Ihr Weg ist, den jungen Männern zu vermitteln: “Es gibt dieses Problem, von dem Frauen betroffen sind, die du liebst und die dir wichtig sind. Aber du kannst Teil der Lösung sein”. Ihr Ansatz war also nicht, zu sagen: “Viele Frauen werden missbraucht, du bist ein potenzieller Täter, werde nicht zum Täter”, sondern “Viele Frauen werden missbraucht, sie brauchen Hilfe bei diesem Problem, werde Teil der Lösung. Join us und werde zum Komplizen, zum Verbündeten!”. Mit dieser Herangehensweise war sie natürlich viel, viel erfolgreicher. Die Männer, die sich ihre Vorträge angehört haben, haben danach mit ihren Freunden darüber gesprochen und nicht sofort dicht gemacht weil sie das Gefühl hatten, ihnen wird ein Vorwurf gemacht oder sie werden unter Generalverdacht gestellt. Sie waren dafür sensibilisiert, was da passiert und haben vielleicht auch mit ihren Schwestern oder Freundinnen darüber gesprochen. Diese Perspektive, diesen Shift finde ich mega spannend und inspirierend und ich denke, dass man das auf viele Themen übertragen kann.

Wenn du zum Beispiel wie anfangs erwähnt Leute überzeugen möchtest, sich vegan zu ernähren, oder weniger Plastik einzukaufen, dann mach das nicht über “Hey, es schwimmen riesige Plastikinseln im Meer, du machst die und die Sachen falsch in deinem Einkaufsverhalten”, sondern: “Es ist so und so viel Plastik im Meer und das ist total krass, wir können das aber gemeinsam bekämpfen. Werde Teil unserer Bewegung, werde Teil unserer Gruppe. Engagier dich mit uns zusammen und du kannst dein Verhalten in Zukunft ändern”.

Es wird ja quasi auch mit der Haltung da ran gegangen, dass man sein Verhalten in der Zukunft auch ändern kann. Es wird nicht kritisiert, wie man sich in der Vergangenheit verhalten hat, z.B. dass man bestimmte Sachen eingekauft, die unnötig verpackt waren und das Obst und Gemüse nochmal in kleine Plastikbeutel gepackt hat, statt sie lose aufs Band zu legen. Es wird auch nicht antizipiert, dass die Person weiterhin so handeln wird und weiter Plastikbeutel benutzt, sondern es wird mit der Haltung da rangegangen, dass die Person sich, sobald ihr das Problem bewusst wird, zu den “Guten”, die etwas gegen das Problem tun möchten, überlaufen kann.

Aus dem Interview mit der Alexis Jones habe ich vier Punkte mitgenommen, die auch ihr anwenden könnt, wenn ihr über Thema sprecht und Verbündete suchen wollt.

Methode 1: Personalisierung

Der erste davon ist die Personalisierung: dass man nicht mit Zahlen, Daten, Fakten ankommt und mit der Müllinsel zwischen Kalifornien und Hawaii, sondern dass man überlegt: “Was ist denn hier vor Ort, wo z.B. das Müllproblem eine Spur hinterlassen hat?”. Oder vielleicht kannst du den Leuten erzählen, wie die Welt in 20 Jahren für ihre Kinder aussehen wird, statt allgemein darüber zu sprechen, wie es in 20 Jahren aussehen wird.

Methode 2: Leute zu Held*innen machen

Der zweite Punkt ist, Menschen das Gefühl zu geben, dass sie ein Held oder eine Heldin sind, wenn sie etwas bewirken. Denn das möchte natürlich jeder, sich gut zu fühlen. Zeig ihnen, wie sie selber zum Aktivisten oder zur Aktivisten werden, die etwas Gutes tun.

Methode 3: unkomplizierter Einstieg

Das passt auch zum dritten Punkt: dass du mit einem guten Beispiel vorangehst und die Leute dazu einlädst, auf eine einfache Art und Weise mitzumachen. Überlege dir: “Was kann ich für einfache Aktionen für den Einstieg planen, bei denen ich den Leuten ohne eine große Hürde oder ohne vorausgesetzte Vorkenntnisse die Möglichkeit gebe, einfach mitzuwirken?”.

Methode 4: Sprich ihre Sprache

Zum vierten Punkt hat Alexis Jones gesagt: “Speak their language”. Sie hat ein Beispiel genannt, das ich ganz witzig fand: Ein Student hat mal bei einem Vortrag zu ihr gemeint, dass er ein betrunkenes Mädel abgeschleppt und bei seinem Freund damit geprahlt habe und dass das ja wohl nicht so schlimm sei. Auf die Frage, ob das schlimm sei, hat sie eine Situation aus dem Sport als Metapher genutzt, weil sie eben sportlich sehr versiert ist: “Stell dir vor, das Team X besiegt das Team Y, das wäre doch auch unfair”, oder irgendwie sowas. (Ich habe wie gesagt keine Ahnung von Sport und weiß nicht mal mehr, welche Sportart das genau war). Jedenfalls hat der Junge mit dieser Metapher das Problem zum einen total verstanden und zum anderen hat er dadurch auch eine Verbindung zur Dozentin aufgebaut, weil sie eben dieses gemeinsame Interesse am Sport haben. Das wäre auch eine Möglichkeit, mit der du die Leute besser erreichen kannst, wenn du mit
sprachlichen Bildern oder Metaphern arbeitest, die die Leute gut verstehen. Oder überprüfe auch einfach mal, wie du so über dein Thema sprichst. Vielleicht sind da schon ein paar Fachbegriffe dabei, die für dich total normal sind, weil du dich schon seit Jahren damit beschäftigst, aber für andere Leute eben nicht klar sind. Bestenfalls wissen die Leute einfach nicht genau, was du damit meinst und verstehen dich nicht richtig, im schlimmsten Fall könnte es aber passieren, dass du sie mit solchen Fachbegriffen abschreckst und sie sich denken: “Das klingt hier jetzt wie ein akademischer Vortrag, da muss ich ja zuerst ein Buch lesen, damit ich verstehe, was sie sagt. Nee, keine Lust, da zuzuhören”. Das ist jetzt zwar ein extremes Beispiel, aber achte einfach mal darauf, wie du normalerweise redest/schreibst, was für Wörter und Formulierungen du benutzt. Vielleicht kannst du da deine eigene Sprache noch anpassen, damit sie besser bei deinen Rezipientinnen und Rezipienten ankommt.

Das Interview ist wie gesagt auf jeden Fall spannend und ich werde es euch verlinken, das gibt es auf Youtube und im Podcast von der Marie Forleo. Hört es auch mal an und überlegt euch, wie ihr die Leute, die ihr erreichen wollt, selbst zu euren Verbündeten machen könnt. Ich wünsche euch viel Erfolg dabei und bis zum nächsten Mal!
Eure Kato.

Hi, ich bin Kato! Ich unterstütze dich als Mentorin bei deinem Passion Project.